4.0 heißt: der Mensch im Mittelpunkt

„LEBEN – und 4.0 Arbeiten“ war Thema beim 6. Forum Kirche – Wirtschaft – Arbeitswelt

Paket-Roboter im Testlauf, Pflege-Roboter in Krankenhäusern, Industrie-Roboter, die ganze Arbeitsbereiche übernehmen: Schon heute läuft die Zukunft durch Straßen, Flure und Fabriken. Wirklich begonnen habe sie noch nicht, überzeugte Prof. Dr. Peter Heß, Nürnberg, Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg im 6. Forum Kirche – Forum – Arbeitswelt im Wildbad. Hier versammelten sich am Wochenende rund 70 Teilnehmende aus ganz Bayern zum Diskurs in öffentlichen Vorträgen und Workshops zum Thema „LEBEN –und 4.0 Arbeiten“: Unternehmerinnen und Unternehmer, Betriebsräte, Wissenschaftler, Pfarrerinnen und Pfarrer.
Big Data, der flexibel einsetzbare „Kollege Roboter“ und die Smart Factory als so genannte intelligente Fabrik der Zukunft, in der sich Einzelbereiche selbst organisieren, sind erst Schritt für Schritt auf dem Vormarsch. Aber sie werden große Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben, prognostizierte Heß in seinem Einführungsvortrag. Er ist seit 1991 Professor an der FH Nürnberg und Leiter des Labors für Robotortechnik.
Zu den Verbesserungen der künftigen Arbeitswelt zählt der renommierte Experte u.a. eine mögliche Reduzierung gesundheitsschädlicher und den Wegfall monotoner Tätigkeiten. Zu den Risiken die weltweite Ansammlung riesiger Datenmengen, Hackerangriffe und den Wegfall von Büro- sowie einfachen manuellen Arbeitsplätzen im industriellen Bereich. Zugleich würden sich viele Berufsfelder neu entwickeln. „Damit alle Menschen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft eine Chance haben müssen wir aber auch neu über gesellschaftliche Arbeit nachdenken, die finanziert wird“, fordert der Professor.

Zusätzliche Jobs würden die Vernetzung von Wissen und neue Formen der Zusammenarbeit im Besonderen im Wissensarbeiterbereich schaffen, sieht Florian Semle von der Beratungsagentur für Netzkommunikation „Digitale Klarheit“ in München voraus. Seine Vision: Von 4.0 werden Menschen weltweit profitieren.
Weitere Stimmen zum Thema „LEBEN –und 4.0 arbeiten“ sowie zu Chancen, Risiken und Herausforderungen der sogenannten vierten industriellen Revolution:

roland-pelikan_foto-norbert-feulner-kda

Pfarrer Dr. Roland Pelikan, kda Bayern: In die Gestaltung der Arbeits- und Lebenszeit müssen wir das christliche Menschenbild einbringen und Menschen in ihrer Selbstwertigkeit stärken.“
Dr. Pelikan befürchtet im Zuge zunehmender Digitalisierung strukturelle Arbeitslosigkeit. Hier bestehe für die Kirche eine „eminent ethische und öffentliche Verantwortung, nüchtern und sachlich zu sehen, dass Digitalisierung viele Berufe überflüssig macht und wir mit den Menschen Neues entwickeln müssen.“

klaus-mertens_foto-norbert-feulner-kda

Klaus Mertens, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Betriebsrats der Zahnradfabrik Friedrichshafen AG am Standort Schweinfurt wart vor einer „Verakademisierung von Arbeitsbereichen“: „Wir brauchen den Facharbeiter! „Wir brauchen auch Begegnungs- und Kommunikationsräume für den Austausch und das Verständnis der unterschiedlich arbeitenden Menschen, um die Zusammenarbeit von Ingenieuren und Arbeitern zu gestalten. Und wir brauchen eine Debatte, wie wir die Arbeit des Menschen wertiger machen.“

bernd-von-doering_foto-norbert-feulner-kdaBernd von Doering, Geschäftsführer SchahlLED Lighting GmbH Unterschleißheim: „Wertschätzende Führung wird in Zeiten zunehmender Eigenverantwortung der Mitarbeitenden wichtiger und eine neue Anforderung an Führungskräfte. Die Fürsorge gegenüber dem Mitarbeiter muss aktiver gelebt werden, aber es gibt dafür kein Patentrezept.“

dieter-vierlbeck_foto-norbert-feulner-kdaDieter Vierlbeck, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Handwerk und Kirche (AHK): „Richtig eingesetzt, kann die Digitalisierung die handwerklichen Erfolgsfaktoren unterstützen und verstärken.“ Herausforderungen bestünden u.a. darin, Bildung als lebenslangen, komplexen Prozess weiterzudenken, Berufsbilder neu definiert und Berufsbilder für Menschen mit Einschränkungen zu entwickeln.

herbertderschPfarrer Herbert Dersch, Leiter des Wildbads Rothenburg fasste mit seinem Bericht aus der Arbeit im Workshop „Offene Gesellschaft aus Sicht von Ethik und Theologie“ auch gleich Ergebnisse der Tagung „LEBEN –und 4.0 arbeiten“ zusammen: „Kirche muss sich auf allen Ebenen einbringen, denn es gibt Arbeit 4.0, aber auch Arbeit minus 4.0. Kirche zeigt sich als Anwalt der Schwachen und der Freiheit und als Stimme der Menschlichkeit. Gegen die Tendenz: Der Mensch ist Mittel und dann Punkt betont sie der Mensch ist Mittelpunkt.“

nina-golf_foto-norbert-feulner-kdaNina Golf, Wissenschaftliche Referentin, kda Nürnberg: „Wir brauchen eine Gewerkschaft 4.0, politische Entscheidungen und gesetzliche Regelungen sowie betriebliche Diskussionen.“ Flexible Arbeitszeiten, Mobilität und neue Formen der Zusammenarbeit verlangten Klarstellung darüber, wem die Zeit gehört: „Ist sie diktiert vom Betrieb, oder gehört sie dem Arbeitnehmer selbst?“ Golf erwartet außerdem zunehmenden Druck auf die sozialen Sicherungssysteme. „Das Thema muss uns alle beschäftigen – Arbeitnehmer, Unternehmer, Politik.“

stefan-helm_foto-norbert-feulner-kdaDiakon Stefan Helm, Geschäftsführer Kirche und Handwerk, kda Bayern: „Handwerk 4.0 heißt für den Meister: Loslassen, Verantwortung übertragen, auf Vertrauen bauen. Neue Rollen müssen gefunden und formuliert werden.“
Die Arbeits- und Lebenszeit in der digitalen Welt zu gestalten heißt für ihn: „Menschen befähigen, dass sie ihre Berufung im Beruf finden. Dann sind Arbeits- und Lebenszeit aufeinander zu beziehen und kein Gegensatz mehr.“

Fotos: Norbert Feulner/kda

Print Friendly

Kommentar

*

captcha *